Gedanken im Wandel – (Wenn dein Knie das Leben bestimmt)

Ich würde gerne von mir behaupten, dass ich als Kämpfer geboren wurde, doch leider sieht es ganz anders aus.

Ich war ein kleiner Angsthase, der sich vor der großen, bösen Welt gefürchtet hat. Ich weiß nicht genau warum, ich nie selber den „Schritt nach draußen“ gemacht habe.
Es gab in meinem Leben nur eine Sache die mir immer Spass gemacht hat und mir Hoffnung gab, der Sport.
Ich war mit 11 Jahren, das erste mal in Kontakt mit meinem Lieblingssport gekommen, dem Volleyball. Wenn sich noch jemand erinnern kann, lief im Fernsehen die Sendung „Mila Superstar“ und ich war davon begeistert. Ich wollte genauso gut werden, wie das Mädchen aus der Comic-Serie.
Ich war immer schon sportlich und habe es geliebt, mich viel zu Bewegen. Jede Sportart wurde von mir ausprobiert.
In unserer Schule habe ich fast jeden Tag trainieren können. Sogar kleine Turniere wurden gespielt. Später habe ich mich auch in einem Verein angemeldet und dort wie eine besessene trainiert.
Ich durfte zwar nur Ersatzspieler sein, aber ich war immer mit Vollblut dabei.

Als ich dann auf die berufsbildende Schule gewechselt habe, war die Zeit für Sport leider sehr knapp, aber ich habe mein bestes gegeben. Mein Traum war es Profivolleyballerin zu werden.
Doch das Schicksal hatte etwas anderes mit mir vor.
In der letzten Woche des ersten Jahres, gab es immer verschiedene Sportveranstaltungen. Ich hatte mich eher davon abgewandt, weil ich mich schon mehr auf die Ferien, als auf den Amateur Sport gefreut hatte. Als meine Klasse ein Spiel hatte, kam eine Kollegin auf mich zu und meinte, das sie Volleyball spielen und noch jemanden brauchten.
Anfangs habe ich mich geweigert, nach wiederholten betteln, habe ich dann doch zugesagt. Und wie wir alle wissen, beim Hobbysport passieren die meisten Unfälle.
Natürlich hatte ich auch nicht die richtige Bekleidung, noch die Schuhe an, aber das war ihnen egal, Hauptsache ich war dabei und sollte ein paar Punkte machen.
Es dauerte nicht lange und ich stand vor dem Netz, und da war auch schon die lebensverändernde Situation vor meiner Nase.
Ich bin kein großer Mensch, doch hatte ich eine gute Sprungkraft. Der Ball ging über das Netz zum Gegner, kurz darauf sprangen auch schon der Gegnerische Spieler zum Angriff und ich zum Block.
In dieser Sekunde änderte sich einfach alles was ich mir jemals für mein Leben gewünscht und vorgestellt hatte.
Erst landete der Gegner und kurz darauf ich, doch fiel der Gegner so auf den Boden das ich dann auf seinem Bein landete und mein Bein komplett umknickte.
Man konnte das gerissene Band in der ganzen Halle hören. Ich musste vor lauter Schmerzen so schreien, dass das Spiel unterbrochen wurde und auf einmal viele Leute im Kreis rund um mich standen.
Ich wusste nicht was passiert war, ich war nie groß krank oder hatte jemals jemanden mit einem kaputten Knie gekannt.
Als wirklich alle gemerkt hatten, ja sogar die Lehrer, das es etwas ernstes war, wurde erst mal die Rettung gerufen. In der Zeit schwoll mein Knie auf das doppelte seiner normalen Größe und ich wusste, das das nichts Gutes heißt.
Im Krankenhaus angekommen waren auch meine Eltern informiert worden, jedoch hatte der Arzt schon alle meine Träume und Hoffnungen in eine tolle Zukunft zerstört.
„Du wirst nie wieder Skateboardfahren, Skifahren oder Volleyballspielen“ erklärte mir der doch etwas agressive Arzt. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen und zu zittern.
Ich bekam noch eine Schiene diese wurde fixiert und ich mit meiner Mutter nach Hause geschickt.
So lange das Knie geschwollen war, konnte man nichts machen also mal abwarten.
Also war ich nun 3 Wochen, ja genau den Anfang der Sommerferien, ans Bett oder auch an die Krücken gefesselt.
Ohne wirklich viel Informationen malte ich mir alle Situationen aus die passieren könnten. Ich hatte solch eine Angst und gleichzeitig wusste ich das mein Leben drastisch für mich verändern wird.
Ich war zwar immer eine fleißige Schülerin jedoch war die berufsbildende Schule für mich weit aus nicht so einfach als gedacht. Wenn ich wirklich nicht mehr spielen durfte, musste ich mich extrem anstrengen um die Schule mit genügend guten Noten zu schaffen.
Wie wird mein Trainer reagieren, er war für mich immer eine große Respektsperson und ich wollte ihn nicht enttäuschen.
Wenn man so viel Zeit hat mit seinen Gedanken zu spielen, kommt nicht immer etwas Positives dabei heraus.
Ich war sehr deprimiert und wollte nicht nach draußen in die Sonne oder andere zusehen, wie sie sich bewegen können.
Ich fing an aus Frust viel zu essen, eigentlich mehr ungesundes in mich hinein zu stopfen. Es war nun soweit das ich nicht wusste was auf mich zukommt, meine Zukunft war nicht mehr vorhanden.
Ich wollte meine Freunde nicht mehr treffen, hatte keine Lust mehr irgendetwas zu tun.
Dann nach 3 Wochen war es soweit, ich musste ins Krankenhaus um mit der Physiotherapie zu beginnen, denn in meinem Alter (15) wollten die Ärzte nicht operieren. Als ich nach langer Zeit, die Schiene wieder entfernen durfte und der Therapeut zu mir sagte, „Na dann geh einmal ein paar Schritte“, war ich im Kopf so blockiert, das ich es nicht konnte. Mir wurde sogar schwarz vor Augen und mein Kreislauf hat versagt.
Doch der Therapeut hat mir in den Hintern getreten und mich dazu gebracht, weiter zu machen, auch wenn ich mich noch mit allen Händen, Beinen und einfach allem dagegen gewehrt habe.
Nach jeder Therapie, kam mein Kampfgeist immer mehr zum Vorschein, ich wollte wieder gesund werden.
Doch konnte ich meine innere Angst nie besiegen. Es war als würde jemand nicht wollen, dass ich den von mir erträumen Weg gehen sollte. Also wurde es auch nichts mehr mit dem Profisportler, sondern mit dem anstrengenden Schulbankdrücken.
Nach dem ich die Schule endlich geschafft hatte, war ich nicht mehr ganz so in der Form wie gewohnt. Von 45kg mit sicherlich genügend Muskulatur, auf 80kg mit gut 37% Körperfett.
Es war als würde an dem Tag an dem ich die Reifeprüfung in der Hand hatte, ein neuer Kampf beginnen.
Ich wollte nicht so dick in die Arbeitswelt eintreten und fühlte mich auch wie in einem großen Schutzpanzer.  Leider konnte ich diesen nicht einfach so ablegen, aber hier war wieder mein Kampfgeist gefragt.
Doch immer noch war die Blockade in meinem Kopf, ich hatte kein Vertrauen in mein Knie und befürchtete jedes mal das etwas passieren konnte.
Ein Jahr und 18kg weniger, ohne Sport sondern nur Dank Abnehmshakes, hatte ich wieder den Mut gefasst und wollte wieder Sport machen und fing an, in einem Fitnessstudio zu trainieren. Das ging alles soweit ganz gut. Ich war sogar so motiviert, dass ich wieder meinen alten Verein besuchte und ab und zu mal mitspielte.
Natürlich spielte ich nur mit 50%, denn der Rest meines Körpers hatte Angst, um mein Knie. Doch alles lief ziemlich gut.  Nach einiger Zeit konnte ich in ein neues Fitnessstudio wechseln, mit tollen Trainern und ich durfte die Kinder bei meinem Verein trainieren.
Schön langsam aber doch konnte ich wieder in meine alte Form finden und manchmal vergaß ich auch für ein paar Momente mein Knie.
Nun waren es gut 9 Jahre die vergangen waren und ich konnte wieder den Sport den ich liebte, ausüben. Doch das Schicksal schläft nicht, eines Abends als ich den Mädchen zeigen wollte wie die Übung aussieht, musste ich auf einen weiche erhöhte Matte springen und nein ich war im Gedanken nicht bei meinem Knie.
Jedoch in den Moment, wo ich von der Matte wieder runter sprang, hatte ich solche schmerzen das ich aufschrie und alle negativen Gefühle von früher waren mehr als doppelt so schlimm wieder da.
Jetzt kam auch noch die Angst dazu meine Arbeit zu verlieren und nicht mehr Auto fahren zu können, nicht mehr meine eigenen Wege gehen zu können.
Meine Eltern haben mich mit nach Hause genommen und am nächsten Tag ging es auch schon ab ins Krankenhaus. Dort wurde mit nur erklärt, dass ich geschwollen bin und das erst mal abheilen musste. Also wusste ich nicht was auf mich zukommt.
Als ich dann endlich in die Röhre kam und das Ergebnis fest stand, war ich wie erstarrt.
Meine Gedanken war von “ Ich will nicht operiert werden“ , „Ich habe Angst nie mehr Volleyball spielen zu können“, “ Ich will nicht wieder dick werden „, alles war auf einmal voller negativer Gedanken. Ich konnte es nicht schaffen mir aus dieser Situation irgend etwas positiver herauszunehmen.
Der Doktor meinte dann nur so nebenbei, das ich mir den Meniskus beleidigt habe und einen leichten Knorpelschaden davon gezogen habe, aber es musste nicht operiert werden. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das meine Einstellung war oder eben das Schicksal das entschieden hatte das nichts unternommen wird.
Ich wurde nur für 3 Wochen ruhig gestellt und weil es keinen freien Platz bei der Physio Therapie gab, habe ich so gut es ging selber angefangen mich zu therapieren.
Ans Bett gefesselt, bestellte ich mir ein paar Bücher über Knieprobleme und deren Therapie. Ich erstellte mir selber einen Kalender, um festzuhalten wie es mir ging und vergleichend zu den Büchern, welche Fortschritte ich machen sollte.
Wieder war ich auf mich selbst gestellt und musste die Kontrolle für alles übernehmen. Leider konnte ich meine Angst nicht kontrollieren.
Nach dem ich von den Ärzten den guten Rat bekommen hatte, das ich meine Muskulatur trainieren sollte um den Verlust meine Bänder im Knie entgegen zu wirken, fing ich an im Fitnessstudio meine Muskulatur kontrolliert zu trainieren.
Leider konnte ich den wichtigsten Muskel in meinem Körper nicht trainieren, mein Gehirn. Ich hatte Angst vor jeder Situation die mein Knie verletzen könnte, damit meine ich nicht nur Bungeejumping oder Skifahren, sondern wandern, rutschige Flächen und vor allem Tanzen.
Ich habe mir viele Aktivitäten verboten, hatte Angst wenn ich mal zu viel Sekt trinke, das ich den Verlust über meine Muskeln und somit über mein Knie verliere.
Wenn ich mal auf einer unebenen Fläche etwas umgeknickt bin, wurde mit sofort schwarz vor Augen und ich hatte alle Ängste wieder.
Diese Gefühle und Gedanken habe ich täglich mit mir herumgetragen, wie ein schwerer nasser Sack voll mit Sand, den ich einfach nicht abwerfen konnte.
Selbst eine Kinesiologie konnte mit nicht helfen, denn ich konnte die Kontrolle nicht abgeben. Eine Shia Tsu Sitzung hat mir zumindest geholfen, zu bemerken, wie sehr ich mich selber kontrolliere und nie das Leben in vollen Zügen genieße.
Die kleine Claudia von früher die einfach wild tobte, mit dem Wind tanzte und den Regen auf der Haut genoss, war so gut versperrt, das anscheinend niemand in der Lage war das Schloss zu öffnen.
Ich war mir nicht im klaren, dass ich der Schlüssel bin.
Kontollzwänge, Verlustängste, nicht in der Lage sein auf neue Situation angemessen zu reagieren, alles sofort negativ zu sehen und mich in Selbstmitleid zu baden, das konnte ich am besten. Ich wollte und konnte niemanden vertrauen, ich habe immer versucht viel von mir Preis zu geben so das jeder glaubte, er kannte mich, doch was sich in mir drinnen abspielte, wusste keiner. Ich wollte immer die starke sein.
Sport war eine meine Art Therapie. Ich konnte meine negativen Gedanken in der Zeit in der ich aktiv war, verdrängen. Nach dem Training konnte ich das Adrenalin und die Glückshormone nutzen, um danach eine bessere Laune zu haben. Das ganze entwickelte sich in eine Art Sucht und wenn ich mal nicht trainieren konnte, war der ganze Tag schon sinnlos.
Dann kam der Valentinstag 2019 und anstatt das ich natürlich zu Hause bei meinem Mann und Hund bin, ging ich trainieren. Ich war am Laufband und hatte alles brav trainiert was ich auf meiner Liste stand. Der letzte Schritt vor dem nach Hause gehen, war ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn er mit starken schmerzen endete, war ich endlich frei.
Die Angst die mich 20 Jahre begleitete hatte war nun endlich vorüber, es war passiert.
Mein Meniskus war gerissen und hatte sich eingezwickt. Im Krankenhaus angekommen musste erst ein MRT gemacht werden und dann kam auch schon die Hiobs- Botschaft. “ Wir werden operieren müssen“ dieser Satz war für mich ein Schock und doch zugleich eine Erleichterung. Zu dem Meniskus wurde auch das Kreuzband neu gemacht und ich hatte wieder eine Chance bekommen, meine Trampelpfade im Hirn neu zu setzen.

Was sich alles in den letzten Jahren in meinem Leben verändert hat, ist kaum in Worte zu fassen. Hätte ich diese Veränderungen nicht angenommen, wäre ich im Leben nicht weiter gekommen. Am besten hat mir mein Hund gezeigt, wie sinnlos es ist, der letzen Minute nachzuweinen oder daran zu denken wie schlimm es ist wenn ich morgen nicht weiß, was ich alles zu erledigen habe.
Wenn die Sonne ins Wohnzimmer scheint, legt er sich hin und genießt die wärme der Strahlen. Wenn im Garten die Früchte reif sind, dann klaut er sich nur diese, welche richtig gut schmecken. Knuddeleinheiten werden nicht geplant, sondern einfach in Anspruch genommen, wenn er das Bedürfnis hat.
Ich dankbar das ich durch so eine harte Zeit gehen musste, denn nun bin ich in der Lage, die schönen Momente im Leben zu sehen und zu genießen.
Auch wenn es noch so schwierige Herausforderungen sind die auf mich zukommen, ich bin bereit dafür.
Wir haben nur ein bisschen Zeit auf dieser wunderbaren Welt geschenkt bekommen und sollten das Beste daraus machen. Nein ich meine nicht viel Ruhm, Ehre und Geld. Ich denke an die Momente die so schnell weg sind, wie sie gekommen sind. Sonnenuntergänge, der Geruch von Regen auf dem warmen Asphalt, das zwitschern der Vögel, der Geschmack eines saftigen Apfels, der Geruch frisch gemähter Wiese, ganz besonders für mich der Geruch meines Hundes, wenn er neben mir liegt.
Lasst uns nicht vergessen, die Berührungen unserer Liebsten. Sei es ein Kuss, eine Umarmung oder einfach nur eine helfende Hand, die einem gereicht wird, wenn man Hilfe braucht.
Ich bin der Meinung, meine Geschichte steht schon geschrieben und ich kann mich entscheiden, ob ich sie nur lesen oder leben will.
Leben wir unser Leben, so bunt wir es nur können,
eure Clulu

 

 

 

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